Susanne Hühn

Körper und Seele in Harmonie vereinen

Über die Coabhängigkeit

15696

Was heißt Coabhängigkeit eigentlich?

hier: Mehr über das Innere Kind und wie man es von Schuldgefühlen befreit

Ursprünglich würde dieser Begriff für Angehörige von Alkoholikern geprägt und er bedeutete „mitabhängig“. Es bedeutet, sich selbst zu verleugnen, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse, die eigenen Lebensziele nach hinten anzustellen, um für den Süchtigen dazu zu sein. Es enthält all die Lügen, mit denen die Sucht des Partners nach Außen hin immer wieder vertuscht wird – ein Coabhängiger steht voll und ganz im Dienst der Bedürfnisse seines Partners, der Eltern, der Nachbarschaft, der Gesellschaft – irgendeiner äußeren Kraft, dessen Wohlergehen und Anerkennung scheinbar wichtiger ist als der eigene Weg. Es enthält aber auch all die Lügen, die der Coabhängige über seine eigenen Bedürfnisse verbreitet, das Verleugnen der eigenen Sehnsüchte und Träume und das betonte, für Außenstehende oft übermenschlich anmutende Für-Andere-Dasein. Natürlich ist es in der Hauptsache das innere Kind, das geliebt werden will, die Kontrolle behalten muss und alles tut, um nicht verlassen zu werden, selbst wenn das bedeutet, sich bis zur völligen Selbstaufgabe für den anderen aufzuopfern, zu lügen, zu betrügen, zu vertuschen und sich selbst alles schön zu reden. Die Angst vor dem Verlassenwerden ist so immens, dass wir uns lieber selbst verlassen als diesen Schmerz noch einmal im Außen erleben zu müssen. Wir halten den anderen in Abhängigkeit, indem wir alles für ihn tun, wir kontrollieren ihn durch unsere Bereitschaft, seinen Bedürfnissen zu Diensten zu sein und wir weben gemeinsam eine Scheinwelt, die wir nach Außen hin bis zur völligen sozialen Isolation verteidigen. Wir wenden uns von Freunden ab, die unsere Lügen nicht glauben, wir vergraben uns zuhause, wir verteidigen die scheinbar funktionierende Welt, die wir gemeinsam aufgebaut haben, bis aufs Blut. Coabhängige nehmen sich selbst fast nur über die Beziehung zu anderen wahr, seien diese gut oder schlecht, die Hauptsache ist, es findet überhaupt eine Art Beziehung statt.

Anne Wilson Schaef hat 1986 den Begriff der Coabhängigkeit geprägt, indem sie die übertriebene Rücksichtnahme und die Selbstaufgabe als eigenständige Krankheit, nicht als normale Reaktion auf Süchtige, erkannt und benannt hat. Denn die Bereitschaft, die eigene Wahrnehmung auszuschalten und das verdrehte Denken und Fühlen des anderen zu übernehmen und zu verstärken, zeigt durchaus, dass sich auch in uns selbst ein paar Rädchen falsch herum drehen, findest du nicht?

Nach und nach wurde dieser Begriff immer weiter gefasst und wird in den heutigen Suchtgruppen eher mit dem Wort „beziehungssüchtig“ übersetzt. Robin Norwood nennt es „die Sucht, gebraucht zu werden“ und es ist tatsächlich eine Sucht, denn wir können auch dann nicht aufhören, unsere Unterstützung anzubieten, wenn wir erkennen, es schadet uns, macht uns förmlich krank. Viele stoffgebundene Süchte basieren auf einer Coabhängigkeit. Wir versuchen, das Leid, das diese verursacht, durch Essen, Alkohol oder Drogen jeder Art unter Kontrolle zu halten Wir sind süchtig nach der Beziehung mit dem anderen und geben deshalb die Beziehung zu uns selbst auf oder stellen sie erst gar nicht her, setzen die Beziehung zum anderen an die Stelle, an der die Bindung an uns selbst verankert sein sollte.

Anstatt uns in uns selbst einzufühlen, unsere eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu erfüllen, sorgen wir für den anderen, wie wir es sicherlich schon als sehr kleines Kind gelernt haben. Wir haben wahrscheinlich niemals die Gelegenheit gehabt, in aller Ruhe und ungestört eine tragfähige Beziehung zu uns selbst herzustellen, eine Beziehung, die wie jede andere gesunde Beziehung auf Achtsamkeit, Vertrauen, Freundschaft und Liebe basiert.

Wir tun alles, um andere glücklich zu machen oder zumindest ruhig zu halten, wir  verbiegen uns selbst bis zur Unkenntlichkeit dabei, dem anderen das zu geben, was ihn das Leben vermeintlich (vermeintlich deshalb, weil wir seinen Schöpferplan nicht kennen und einfach nicht wissen können, was für ihn bestimmt ist und was nicht)  vorenthält. Wir versuchen, die Bedürfnisse des anderen nach Sicherheit, Freiheit, Liebe und Geborgenheit, nach Verständnis und Abgrenzung zu erfüllen und achten nicht darauf, was wir selbst eigentlich wollen. Wahrscheinlich spüren wir es nicht einmal. Ich möchte euch hier Wege zeigen, sich anders zu verhalten, und zwar in jeder Beziehung. Ich möchte euch Mut machen, euren eigenen Weg zu gehen, die Beziehung zu euch selbst endlich herzustellen und für den anderen nur noch in dem Maße da zu sein, wie ihr das selbst möchtet.

Ihr dürft lieben, so viel ihr wollt, aber eure Handlungsfreiheit muss erhalten bleiben. Natürlich wollen wir keine egoistischen Monster werden. Aber wir wollen auch nicht länger im Dienst des Egos und der Angst eines anderen stehen, sondern im Dienst am Leben und an der Liebe leben. Wir wollen uns selbst direkt spüren, nicht aus zweiter Hand über die Verbindung mit anderen.

Hier sind ein paar Symptome der Coabhängigkeit (zum Teil aus dem CodA Programm, mit freundlicher Genehmigung):

In der Coabhängigkeit hängen meine guten Gefühle davon ab, dass du mich magst.
In der Genesung hängen meine guten Gefühle davon ab, dass ich mich mag.

In der Coabhängigkeit hängen meine guten Gefühle von deiner Achtung meiner Person ab.
In der Genesung hängen meine guten Gefühle von meiner Selbstachtung ab.

In der Coabhängigkeit beeinflusst dein Kampf meine Ruhe und Gelassenheit.
In der Genesung spielt dein Kampf für mich eine Rolle, weil ich mich um dich sorge, aber er kontrolliert nicht, wie ich über mich selbst empfinde.

In der Coabhängigkeit wird meine Selbstachtung dadurch gestärkt, dass ich deine Probleme löse und deine Muster erkenne.
In der Genesung kommt meine Selbstachtung daher, dass ich meine Probleme löse und manchmal meine Muster erfahre.

In der Coabhängigkeit konzentriert sich meine Aufmerksamkeit darauf, dir zu gefallen. In der Genesung gefalle ich mir, selbst wenn es dir nicht gefällt.

In der Coabhängigkeit konzentriere ich mich darauf, dich zu schützen.
In der Genesung schütze ich mich, selbst wenn ich dich dadurch manchmal ungeschützt lasse, ich weiß, dass du auf dich selbst aufpassen kannst.

In der Coabhängigkeit verstecke ich meine Gefühle, indem ich dich manipuliere, etwas auf meine Weise zu tun.
In der Genesung sage ich die Wahrheit über meine Gefühle, unabhängig von den Konsequenzen.

In der Coabhängigkeit schiebe ich meine Hobbies und Interessen beiseite, deine Interessen stehen im Vordergrund.
In der Genesung verfolge ich meine Hobbies und Interessen, selbst wenn das bedeutet, Zeit von dir getrennt zu verbringen.

In der Coabhängigkeit schreibe ich dir deine Kleidung, dein Verhalten und deine Erscheinung vor, denn du bist eine Spiegelung meiner Person.
In der Genesung lasse ich zu, dass du dich kleidest, erscheinst und verhältst, wie du es möchtest, unabhängig davon, wie ich mich dabei fühle.

In der Coabhängigkeit weiß ich nicht, was ich will, ich frage dich und bin mir nur darüber bewusst, was du willst.
In der Genesung kenne ich nicht nur meine Wünsche und Bedürfnisse, ich spreche sie aus und handle, um sie zu erfüllen.

In der Coabhängigkeit sind die Träume, die ich von der Zukunft habe, untrennbar mit dir verbunden.
In der Genesung gehören meine Träume mir, selbst wenn du darin nicht vorkommst.

In der Coabhängigkeit bestimmt die Furcht vor deiner Wut, was ich sage und tue.
In der Genesung habe ich keine Kontrolle über deine Wut, und sie hat keine Kontrolle über mich.

Weil ich dich liebe…

9049_Weil_ich_dich_liebe_Karte24

In der Coabhängigkeit nutze ich das Geben, um mich in der Beziehung sicher zu fühlen.
In der Genesung kann ich geben, wenn es mir Freude macht, ich kann es aber auch lassen, weil es nicht der Furcht oder der Sicherheit dient.

In der Coabhängigkeit verringern sich meine sozialen Kontakte, sobald ich mich mit dir einlasse.
In der Genesung hoffe ich, dass du meine Freunde magst. Wenn nicht, werde ich es verstehen, und akzeptieren, mich aber weiterhin mit ihnen treffen.

In der Coabhängigkeit lege ich meine Werte beiseite, um mit dir zusammen zu sein.
In der Genesung gehören meine Werte mir. Als Kern meines Seins sind sie unumstößlich.

In der Coabhängigkeit schätze ich deine Meinung und deine Art, Dinge zu tun, höher ein als meine.
In der Genesung schätze ich deine Art und dein Verhalten, aber nicht auf Kosten meiner.

In der Coabhängigkeit steht die Qualität meines Lebens in untrennbarem Zusammenhang mit deiner Lebensqualität.
In der Genesung gibt es klare Grenzen, die meine Lebensqualität von deiner unterscheiden und trennen.

In der Coabhängigkeit sage ich alles frei heraus, suche Intimität gleich beim ersten Treffen, verliebe mich, ohne wirkliche Informationen darüber zu haben, wer du bist und was du beitragen kannst und willst.
In der Genesung lasse ich mir Zeit, lasse Freundschaften entstehen, ich bin nicht von dir überwältigt und kann unangemessenes Verhalten erkennen und darauf reagieren.

In der Coabhängigkeit übernehme ich automatisch die Verantwortung, wenn es sonst keiner tut, indem ich sage, „einer muß es ja machen“. „Einer“ bin immer ich.
In der Genesung spüre ich, dass ich die Wahl habe, indem ich es an eine Höhere Macht abgebe und darauf vertraue, dass für den anderen gesorgt ist, auch, wenn es nicht durch mich geschieht.

Weil ich dich liebe…

9049_Weil_ich_dich_liebe_Karte32